Schlagwort-Archive: Mode

Tattoos – Kunst oder versteckte Sprache? – Teil 2

 

Die Systematisierung der (hier: postsowjetischen) Tätowierungen ist vielfältig. Neben religiösen, poetischen und historischen Tätowierungen existieren auch politische oder pornographische Tattoos. Die populärste Stelle für das Anbringen bleibt die Brust. Auf ihr werden entkleidete Frauen, Kathedralen, Antlitze von Heiligen oder biblisch handelnden Personen, Schädel, Tiere (u.a. Tiger und Löwen), Teufel, Grabkreuze, die Kreuzigung, Porträts der Anführer, Vögel, Spinnen, Ritter und Gladiatoren dargestellt. Weiterlesen

Prêt-à-porter is Ready to wear!

 

Der Begriff „Prêt-à-porter“ stammt aus dem Französischen und bedeutet soviel wie „bereit zum Tragen“. Man versteht darunter Kleidermode von der Stange. Prêt-à-porter ist modische Kleidung, die zwar von Modeschöpfern entworfen, aber industriell und in großen Mengen hergestellt und vertrieben werden. Viele Modeschöpfer arbeiten heute von vornherein nur auf dem Gebiet des Prêt-à-porter, so etwa die Amerikaner Calvin Klein und Donna Karan oder die Engländerin Vivienne Westwood. Prêt-à-porter ist deswegen der gehobene Luxus-Bereich der Konfektion. Diese wiederum umfasst ein breites qualitatives und preisliches Spektrum, zu dem auch die Kaufhausmode von der Stange gehört. Die Kunst des Entwurfs spielt hier kaum mehr eine Rolle; dieser muss vielmehr tragbar, in jedem Falle an modischen Linien orientiert und sehr gut verkäuflich sein. Weiterlesen

Tattoos – Kunst oder versteckte Sprache? – Teil 1

 

Quelle (Zugriff: 26.03.2017): http://monk.com.ua/images/articles/kriminalnie-tatuirovki-sovetskogo-period_1.jpg

Schon als kleines Kind wurde mir eindringlich erklärt, dass tätowierte Menschen, egal mit welchem Tattoo, gefährlich sein können, weil sie zur kriminellen Welt gehören können. Ob in Gesprächen zwischen Erwachsenen oder in TV-Sendungen, fast immer wenn Täter gesucht wurden, wurden auch seine Tattoos erwähnt.

In den Zeiten der UdSSR wurde die Anwesenheit jeglicher Körperbilder von Jung und Alt mit Kriminalität assoziiert, Weiterlesen

“This is fucking awesome” – Second-Hand als Modephänomen

Coppin‘ it, washin‘ it, bout to go and get some compliments // Passin‘ up on those moccasins someone else’s been walkin‘ in

[…]

I’m gonna pop some tags // Only got twenty dollars in my pocket // I – I’m – I’m hunting, looking for a come up // This is fucking awesome

[Auszug aus Thrift Shop – von Macklemore und Ryan Lewis][1]

 

Macklemore und Ryan Lewis müssen beim Shoppen vermutlich keine Preisschilder mehr abreißen. Thrift Shop ist eine Hommage an den Gebrauchtwarenladen, gleichzeitig eine Kritik am Markenfetischismus und der Modeindustrie – und irgendwie auch eine ironische Abhandlung über den Second-Hand-Style und seine gegenwärtige Konjunktur. Was hat es damit auf sich?

Was Second-Hand zur Mode macht…

Der Handel mit gebrauchten Textilien ist nichts Neues: Kleider wurden schon immer mehrfach aufgetragen und, wenn sie dazu nicht mehr gut genug waren, umgestaltet und wiederverwendet. Es muss aber unterschieden werden zwischen der einfachen Wiederverwendung von Kleidern und dem bewussten, modisch-intendierten Zusammenstellen eines Second-Hand-Looks.[2] Second-Hand als Modeerscheinung bezeichnet einen Stil, dem man sein Aus-Zweiter-Hand-Sein ansehen soll. Den Stücken, die sichtlich alt oder gebraucht sind, wird ein besonderer ästhetischer Wert zugeschrieben. Ihre Patina verleiht ihnen Authentizität, die den Individualismus-Drang ihrer Träger*innen stillt.[3] Second-Hand als Mode gehört zu den Retro-Phänomenen, die gerne als postmodernes Symptom gedeutet und als Ausdruck der postmodernen Ideenlosigkeit gelesen werden.[4] Eine Kritik, die das kreative Potential der Second-Hand-Mode und vor allem derjenigen, die sie sich zu Eigen machen, völlig außer Acht lässt. Forscher*innen wie Sabine Trosse gestehen dem Experimentieren mit den geschichtsträchtigen Stoffen sogar ein dekonstruktivistisches Potential zu: Die Träger*innen schaffen textile Tatsachen, die teilweise den herrschenden Diskursen entgegengesetzt und ihnen zuwider gedacht sind.[5] Mode als Praxis ist wirkmächtig, sie ist – wie Gertrude Lehnert konstatiert – eine ästhetische Arbeit am Selbst und an unserer alltäglichen Welt, sie ist ein „Spiel mit Grenzen und Möglichkeiten“.[6]

Wie Second-Hand in Mode kam…

Die Grenzen des vermeintlich ‚guten Geschmacks’ sprengen und so gegen eingefahrene Gesellschaftsstrukturen protestieren wollten die Hippies der 1960er Jahre. Sie trugen Second-Hand-Stücke, um gegen die biedere Kleiderordnung aufzubegehren und drückten damit ihren Unmut an Konsum und Gesellschaft aus. Alte Militäruniformen kombiniert mit bunten Seidenblusen aus den 1920er und 1930er Jahren, Unterröcke und Wolljacken – das war der Look, der Second-Hand erstmals zur Mode machte. Die Beatles brachten den Style mit dem Albumcover von Stg. Pepper in die Jugendzimmer, die Jugend ihn auf die Straße. Der Second-Hand-Look war mehr als nur textiler Körperschutz – er formulierte eine Botschaft und war Ausdruck einer Bewegung.

Bunt und unangepasst - dieses Image hat Second-Hand-Mode seit den 1960ern.

Bunt und unangepasst – dieses Image hat Second-Hand-Mode seit den 1960ern.

Warum Second-Hand in Mode ist…

Das Rebellische ist eng mit der Second-Hand-Mode verquickt: Nach den Hippies waren es die Punks, die mit und in alter, kaputter Kleidung protestierten. Das bewusste Down-Dressing, das textile Kokettieren mit der Armut – oder zumindest deren vermeintlichem Antlitz – findet sich als Stil-Element auch im Grunge der 1990er Jahre und im Used-Look der 2000er. Noch heute ist das Image des Rebellischen, des Subkulturellen und Individuellen mit der Second-Hand-Kleidung verknüpft. Man könnte – mit Pierre Bourdieu – auch sagen: über die Jahre hat sie ein gewisses kulturelles Kapital angehäuft, auf das ihre Träger*innen heute zurückgreifen. Diese zeigen durch die Wahl eines Second-Hand-Kleidungstücks, dass sie um die Geschichte und Geschichtlichkeit der Mode wissen, mit ihr umgehen können und sich gar ironisch dazu positionieren – ganz so wie Macklemore.

 

[1] Musikvideo zu Macklemore & Ryan Lewis: Thrift Shop. URL: https://www.youtube.com/watch?v=QK8mJJJvaes (Zugriff: 31.03.2016).

[2] Angela McRobbie: Second-Hand Dresses and the Roleif the Ragmarket. In: Dies. (Hg.): Postmodernism and Popular Culture. London 1994, S. 135-154, hier S. 140: „Second-hand style continually emphasizes its distance from second-hand clothing.“

[3] Heike Jenß: Sixties Dress Only. Mode und Konsum in der Retro-Szene der Mods. Frankfurt am Main 2007, hier S. 144: „Der Trendforscher Matthias Horx spricht von einem übergreifenden Retro-Trend als einer spezifischen Stimmung, quasi einem ‚Retro-Mood’ in der Gesellschaft, in der er eine übergreifende Sehnsucht nach Echtheit und Authentizität verborgen sieht.“

[4] Dies., hier S. 10.

[5] Sabine Trosse: Geschichten im Anzug. Der Retro-Trend im Kleidungsdesign. Münster / New York / München / Berlin 2000, hier S. 164.

[6] Getrud Lehnert: Mode. Theorie, Geschichte und Ästhetik einer kulturellen Praxis. Bielefeld 2013, hier S. 93.

Zur Inaktualität der Mode

Aktuelle Mode im Visier der (post-)strukturalistischen Zeichentheorie

Die aktuelle Mode präsentiert sich als etwas Neues und Einzigartiges. Ein Modeartikel scheint nur dann relevant zu sein, wenn er sich von der Mode aus den Vorjahren abhebt. Warum man dennoch das Gefühl nicht loswird, weshalb einem die Schnitte, Muster oder Farbkombinationen der aktuellen Mode so bekannt vorkommen, der findet im Poststrukturalismus eine Antwort darauf. Für (Post-)Strukturalisten sind Kleidungsstücke Teil eines Zeichensystems.  In diesem System sind Bilder[1] als Codes deutbar. Diese Codes sind unverzichtbare Grundlagen des sozialen Lebens. Sie schaffen Eindeutigkeit und tilgen Unbestimmtheiten im Alltag. Die Codes stiften Ordnung in der Gesellschaft. Besonders in den sozialen Medien, auf Instagram oder Facebook, verwandeln sich die Modeartikel in Zeichen und Bilder. Diese Bilderflut wird von dem französischem Soziologen Jean Baudrillard als eine fiktionale Überspitzung beschrieben.  Für Baudrillard ist es in diesem Zustand der Verbildlichung und der andauernden Bilderflut für den Betrachter zunehmend schwieriger zwischen Bild und Wirklichkeit zu unterscheiden. Baudrillard beschreibt diesen Dauerzustand der Verbildlichung als eine Simulation der Gegenwart: „Die Mode ist eine bloße Simulation der Unschuld des Werdens. Die Mode ist eine bloße Wiederverwertung (recyclage) des Zyklus‘ der Erscheinungen.[2]

 

Simulakren: Ordnungen für den hyperrealen Alltag

Seine Theorie der Simulation beschreibt Baudrillard in drei Phasen, auch drei Zeitalter genannt, welche das Zeichen durchlaufen muss. Diese vorangeschrittenen Zeitalter des Zeichens nennt er die drei Ordnungen des Simulakrums. Baudrillard definiert Simulakren wie folgt: „Simulakren sind wirklichkeitsmächtige Kulturmuster, mit denen die soziale Welt semantisch beschrieben und vorgestellt wird […]. Ein Simulakrum ist ein abstraktes System von Zeichen, das in einer spezifischen Beziehung zur materiellen Welt steht und ein Konstruktionsmodell von Wirklichkeit bildet, aus dessen Sinnfundus Welt symbolisch erzeugt und gedeutet, abgestützt und reproduziert wird.[3]

Modemuseum in Ludwigsburg

Bild 1: Privataufnahme im Modemuseum in Ludwigsburg

Die erste Ordnung der sinnstiftendend Simulakren nennt er die Imitation und datiert sie auf das Zeitalter der Renaissance und des Barocks, also auf den Beginn der europäischen Neuzeit. Mit der Imitation datiert  er zugleich den Wendepunkt zwischen vormodernen und modernen Zeichen bzw. zwischen zweiter und dritter Stufe des Bildes. Die zweite Ordnung, die Produktion, legt er auf das 19. Jahrhundert sowie die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die dritte Ordnung betitelt  er als Simulation und ist für ihn bestimmend für die Nachkriegszeit und Gegenwart.

Unser Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden Begriffen. Für die Simulakren in der Mode bedeutet dies, dass das Schöne und das Hässliche oder das Neue und das Alte austauschbar sind. Die Zeichen haben sich für Baudrillard von ihrem Bezeichneten gelöst und sind referenzlos geworden. Die Zeichencodes der Mode und der Medien gäben nur noch vor, soziale Codes zu sein, welche die Ordnung in den Alltag beibehalten. In Wahrheit dagegen haben sie nur die Absicht, das Gesamtsystem der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Die Zeichen simulieren eine künstliche Realität. Eine Hyperrealität entsteht, welche weitaus realer die Realität abbildet, als der eigentliche Alltag sie jemals abzubilden vermag.

Screenshot des Artikels "Neuer Trend Hochwasser-Schaghose".

Bild 2: Screenshot des Artikels „Neuer Trend Hochwasser-Schaghose“ auf Elle.de

(In-)aktuelle Mode

Für Baudrillard steht fest: „Die Mode ist […] inaktuell. Die Mode setzt immer eine tote, abgestorbene Zeit von Formen voraus, also ein [sic!] Art von Abstraktion, durch die  die Formen […] zu effektiven Zeichen werden, die – gewissermaßen durch eine Verkehrung der Zeit – zurückkehren können und die Gegenwart mit ihrer Inaktualität besetzen, das heißt  mit dem ganzen Charme der Wiederholung von Vergangenem, die der Entwicklung von Struktur entgegengesetzt ist. […]Die Mode bezieht ihre Frivolität aus dem Tod und ihre Modernität aus dem déja-vu.[4] Mode war und ist inaktuell. Sie besticht durch eine Ästhetik der Wiederholung in unserem gegenwärtigen und zukünftigen Alltag.

 

Fußnoten:

[1] Im Beitrag werden Zeichen und Bild als Synonyme verwendet.

[2] Jean Baudrillard: Der symbolischer Tod und Tausch. München 1982, hier S.135.

[3] Ebd., S. 79.

[4] Ebd., S. 134.

 

Literaturnachweis:

Baudrillard, Jean: Der symblische Tod und Tausch. München 1982.

Bildnachweis Bild 2:

http://www.elle.de/cropped-flare-so-cool-sind-die-neuen-hochwasserjeans-258031.html [Letzter Zugriff: 01.04.2016]